Die Entstehung des modernen Gewissens

by Heinz D. Kittsteiner | Philosophy | This book has not been rated.
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Journal Entry 1 by wingfederseewing from Offenburg, Baden-Württemberg Germany on Saturday, May 01, 2021
"Eine Geschichte des Gewissens? Hat denn das Gewissen überhaupt eine Geschichte? Normalerweise wird man annehmen, dass es sich um einen anthropologischen Sachverhalt handelt, der zur Grundbefindlichkeit des Menschen gehört.
Gewissen als innere, handlungsleitende Instanz ist nicht etwas, was man hat oder nicht hat, sondern es herauszubilden und zu kultivieren war immer ein Anspruch, der von einer gebildeten Schicht an die Masse der Bevölkerung herangetragen wurde. Das Gewissen verändert sich daher mit dem Wandel der Diskurse, in denen diese "normsetzenden Schichten" auf das "Volk" einpredigen oder einreden.
Das beginnt auf der ganz alltäglichen Ebene: Dem gläubigen Christen des 16. und 17. Jahrhunderts soll im Gewitter das Gewissen schlagen, Gottes Donnerpredigt ihn an seine Sünden erinnern.
Was aber geschah, als im 18. Jahrhundert die Kosmologie sich veränderte, der erzürnte Gott keine Donnerkeile mehr auf das Haupt des Sünders zu schleudern drohte, als der Blitzableiter erfunden wurde? Alles, was mit großem Eifer ins Volk hineingepredigt worden war, versuchte man nun wieder rückgängig zu machen: Ein guter Bürger war nun der, der das Gewitter nicht fürchtete, da er über ein gutes Gewissen bereits und immer schon verfügte. Und auch die Hölle musste neu definiert werden. Der Versuch, ein Naturphänomen mit einer Gewissensregung zu verbinden, hatte sich als ein grandioser Fehlschlag erwiesen.
Die Theologen und Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts suchen nach Auswegen. Sie werten das religiöse Gewissen radikal ab und überdenken neue Möglichkeiten für eine friedensstiftende Triebkontrolle. Im Vertrauen auf die Verbesserung der Menschheit gewinnt das Gewissen wieder an gesellschaftlicher Wertschätzung, bis es bei Kant in der erhabenen Würde des "kategorischen Imperativs" erstrahlt. Dieses moralische Tugendgewissen ist nicht mehr das Gewissen Luthers: Dort stiftete es eine Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, nun muss es aus einer Selbstverdopplung des Ich erklärt werden. Die Aufklärer entdecken schließlich einen idealen Trainingsraum für eine emotionale Verstärkung des Gewissens: Es ist die Entstehung der bürgerlichen Kernfamilie.
Zu untersuchen, wie im Zeitalter zwischen Luther und Kant, zwischen Reformation und Aufklärung über das Gewissen gesprochen wurde, ist die Absicht dieses Buches: Begriffsgeschichte wird dabei erweitert zu eine umfassenden Kultur- und Mentalitätsgeschichte.
Mit einer vorsichtigen Öffnung zur Psychoanalyse schließt die Untersuchung ab. Die Modernisierungsschübe des Gewissens werden im Rückblick deutlich: Aus einer Rechtfertigung vor Gott wird eine Verantwortung für Geschichte und Gesellschaft, aus einer Erzeugung des Gewissens in Angst und Schrecken wird eine Genese im Umfeld pädagogisch eingesetzter "Liebe". Geringer sind die Schwierigkeiten mit dem Gewissen dadurch nicht geworden: ungeachtet anthropologischer Grundlagen ist das Gewissen eine offene historische Struktur, die in jeder Generation neu durchdacht werden muss." (Klappentext)

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